Lünen: Flugblatt zum Pogromnachtsgedenken

Am heutigen Montag, den 09.11.09, jährt sich die Reichspogromnacht zum 71. Mal. In der Lüner Innenstadt fanden 2 Gedenkveranstaltungen mit musikalischer Untermalung statt, organisiert von Schülern des Freiherr vom Stein Gymnasiums und der Stadt Lünen. Währenddessen wurden von AntifaschistInnen rund um die Veranstaltungen 150 Flugblätter mit dem Titel „Kein Vergeben – kein Vergessen!“ verteilt.

Flugblatt:

Kein Vergeben – Kein Vergessen!

Heute, am Montag den 9.11.2009, jährt sich die „Reichspogromnacht“ zum 71.Mal. Von den Nazis damals wie heute als Ausbruch des „Volkszorns“ gefeiert, war diese Nacht vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die die Shoa, die industrielle Vernichtung von 6 Millionen JüdInnen, zum Ende hatte. Rückblickend scheinen die Ursachen geklärt: Antisemitismus gab es wenn überhaupt nur seitens „der Nazis“, also der NSDAP, die die Entwicklung nicht nur förderte, sondern auch maßgeblich beeinflusste und überhaupt erst aufbrachte. Vollkommen ausser Acht gelassen wird dabei, dass Antisemitismus & Rassismus weder erst mit der Machtergreifung der NSDAP aufkamen, noch mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8.Mai ´45 vom Erdboden verschwanden. Sowohl Antisemitismus als auch Rassismus sind tiefgehende, gesellschaftliche Probleme deren tatsächliche Ursachen im öffentlichen Diskurs kaum, bzw überhaupt nicht benannt werden.
Dass der Nationalismus etwas mit der damaligen Entwicklung zu tun gehabt haben könnte, darauf kommt man nicht. Dabei liegt das Problem eben da – in dem Empfinden des Einzelnen als Teil der großen Nation, im Selbstbild eines jeden als „Deutschen“, als Staatsbürger & Einheimischer. Man ist nicht mehr Individuum, man ist bürgerliches Subjekt, Angehöriger einer Nation. Wodurch genau man sich dadurch tatsächlich von anderen unterscheidet, ist unklar – niemand vermag zu sagen was genau das „deutsch-sein“ ausmacht, ausser dass es sich von allerlei „undeutschem“ unterscheidet.
Damit nicht genug: Nationalismus ist nicht nur das Problem von ein paar Rechtsradikalen oder Nazis, Nationalismus ist und war weitgehender, gesellschaftlicher Konsens.
Die Unterschiede zwischen dem Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus der Nazis, und dem Nationalismus der Gesellschaft, aus dem diese erwachsen, sind keine grundsätzlichen. Was die Nazis fordern, ist nur eine Radikalisierung dessen, was in der bürgerlichen Gesellschaft sowieso jeder will. Am deutlichsten ist dies am Nationalismus – wenn man ihn über eine ex- oder implizite, positive Bezugnahme zur Nation definiert. Der schmale Grat auf dem sich bürgerliche NationalistInnen bewegen, ist die Unterscheidung zwischen dem guten Patriotismus der Gesellschaft, und dem bösen Nationalismus der Nazis. Aber ob Nazis also „Deutschland den Deutschen“, oder Konservative PolitikerInnen „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ skandieren, ist höchstens ein gradueller, aber sicher kein prinzipieller Unterschied.
Und solange dies nicht bedacht wird, und weiterhin der Mythos der friedliebenden Nation Deutschland die Runde macht, wird sich nichts ändern. Weiterhin ist laut Statistik jeder 7. Deutsche der Meinung dass „die Juden“ zuviel Einfluss in der Weltpolitik hätten, weiterhin werden „Friedensdemos“ von bekennenden, islamistischen AntisemitInnen geduldet und unterstüzt. Unter arabischen „Tod dem Zionismus“ Rufen entfernen deutsche PolizistInnen aufgehängte Israel Fahnen, die Presse spricht von einem „Angriffskrieg“ Israels. Dem weltweit einzigen Schutzraum für Menschen jüdischen Glaubens wird das Existenzrecht abgesprochen, während tausende Deutsche feuchtfröhlich den Sieg „ihres Deutschlands“ bei Fußballspielen feiern, und deutsche PolitikerInnen mit geringen „Schadensersatzzahlungen“ mit der deutschen Geschichte abschließen.
71 Jahre sind vergangen, prinzipiell geändert hat sich nichts. Es waren nicht „die Nazis“ die am 9. November ´38 brandschatzend durch jüdische Viertel gezogen sind, es waren Deutsche im nationalen Wahn. Die gleichen Deutschen, die kurz nach der Wiedervereinigung Asylantenheime angezündet haben, und seit der Wiedervereinigung 140 Tote zu verantworten haben.
Für uns als AntifaschistInnen ist die Konsequenz aus diesen Ereignissen vor allem eins: Eine klare Absage an die Nation und den Nationalismus, und eine klare Kampfansage an Nazis und NationalistInnen.

Kein Friede mit dem deutschen Mob!

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