1.Mai in Lünen und das Problem mit der Polizei

Lünen. Einmal im Jahr treffen sich mehrere Tausende Jugendliche aus Lünen und Umgebung am Kriegerdenkmal im Lüner Norden und ziehen von dort aus zur Grillwiese am Cappenberger See. Diese 1. Mai-Tradition kann mittlerweile auf mehr als 20 Jahre Geschichte zurückblicken und findet großen Anklang. Jedoch unterscheidet sich dieses Ereignis in einem entscheidenden Punkt von anderen Massenevents. Es ist keine offizielle, angemeldete Veranstaltung. Es gibt weder eine Organisation, die den Ablauf vorgibt, noch ein Rahmenprogramm und auch keine_n Anmelder_in. Dieses eine Mal in Jahr haben die Jugendlichen in Lünen die Möglichkeit, eine Veranstaltung ganz nach ihren eigenen Wünschen und Ideen zu organisieren. Viele fangen bereits Wochen vorher an einen Maiwagen zu bauen, sie werden kreativ und haben Spaß daran. Verschiedenste Musikrichtungen sind auf der Grillwiese zu hören und die unterschiedlichsten Menschen treffen aufeinander. Diese Veranstaltung gibt den Jugendlichen den Freiraum, den sie brauchen und sonst nirgends in Lünen finden.

In den vergangenen Jahren wurde das Ereignis jedoch mit immer mehr Repressalien durch das Ordnungsamt und die Polizei konfrontiert. So spielt sich die Stadt als Veranstalter auf und setzte Repressionsmaßnahmen fest. So dürfen Maiwagen nur noch eine bestimmte Größe haben, nicht Aggregatbetrieben sein und es dürfen keine großen Musikanlagen benutzt werden.
Seit letztem Jahr sind die Jugendlichen mit einer weiteren Veränderung der Situation konfrontiert.

Räumung aus nichtigen Gründen…
Die Stadt veranlasste eine starke Polizeipräsenz und die Räumung der Grillwiese durch die Polizei um 19 Uhr. Als Begründung für diese Einschnitte wurden im Vorfeld unter Anderem die Gefahr von möglicher Randale auf dem Nachhauseweg und der Lärmschutz von Anwohner_innen angegeben. Zudem sollte verhindert werden, dass „irgendwelche Betrunkene, die im Dunkeln liegen bleiben, nicht zurückbleiben“ (O-Ton Eberhard Rieß vom Ordnungsamt Lünen). Der eigentliche Zweck ist jedoch offensichtlich: Sie Stadt Lünen versucht mit allen Mitteln die Kontrolle über das Treffen zu gelangen.

Wenn tausende Jugendliche aus unterschiedlichsten Freundeskreisen, Altersklassen und Subkulturen zusammen feiern, sowie große Mengen Alkohol konsumieren, lässt sich natürlich nicht ausschließen, dass es zu vereinzelten Auseinandersetzungen kommen kann. Zu glauben, dass es durch diese Art der Überwachung und Repression möglich ist, anbahnende Konflikte in einer so großen und unübersichtlichen Menschenmasse präventiv zu verhindern, entbehrt jeglicher Realität. Auch für den Konfliktfall ist das Eingreifen der Polizei nicht zwangsweise nötig. In der rund 20-jährigen Tradition des Treffens, kam es bislang nie zu schweren Auseinandersetzungen oder gar Randale, wie sie von Polizei und Ordnungsamt herbeigeredet wird. Durch die riesige Masse an Menschen werden die meisten Konflikte durch Umstehende gelöst. In den wenigen Fällen, wo dies nicht gelang, griff vor 2010 das private Sicherheitsunternehmen B-A-K ein und klärte die Situation. Dies jedoch auch wenig kooperativ. Die wenigen am Rand stehenden Polizist_innen, dienten lediglich als Dekoration.

Auch hatte diese unangemeldete Veranstaltung seit je her ein offenes Ende. Durch den frühen Beginn verlassen die meisten Menschen die Grillwiese bereits weit vor 19 Uhr. Nach 19 Uhr halten sich nur noch vereinzelt Leute auf dem Platz auf und verlassen diesen nach und nach.
2010 wurde dem Treffen jedoch ein jähes Ende bereitet. Die Polizei räumte überraschend den Platz um 19 Uhr mit einer Einsatzhundertschaft und berittenen Polizist_innen. Sie ging sehr aggressiv gegen die Jugendlichen vor, die der Aufforderung den Platz zu verlassen nicht nachkamen, sondern den Sinn dieses Vorgehen hinterfragten. Sie wollten nicht, dass man ihnen das einzige Ereignis im Jahr wegnimmt, bei dem sie selbst bestimmen können wann es anfängt und wann Schluss ist. Einige Personen wurden bei der Räumung leicht verletzt.
Dieses Jahr nahm die Kontrolle der Polizei noch weiter zu. Es wurde ein rund vier Meter hoher Podest aufgebaut, um die Wiese überwachen zu können. Bereits Nichtigkeiten wurden vom Einsatzleiter zum Anlass genommen, um teils brutal gegen einzelne Jugendliche vorzugehen.
Viele wurden durch diese Aktionen sehr wütend auf die Polizei und empfanden „Überwachungsturm“ als völlig überzogen und diskriminierend.
Größtenteils versuchten die Jugendlichen jedoch sich durch die Polizei nicht Stören zu lassen und machten sich über den übertriebenen Aufwand lustig.

…mit schwerwiegenden Folgen.
Gegen 19 Uhr, also kurz vor dem veranlassten Ende, war die Grillwiese so voll wie sie es gewöhnlich um diese Uhrzeit nicht ist. Etwa 800 blieben noch da um der Stadt zuzeigen, dass sie es nicht in Ordnung finden, wenn diese versucht sich ihren geliebten 1.Mai unter den Nagel zu reißen. Die Hundertschaftsbullen bildeten eine Kette und versuchten mittels Einsatz von Schlagstock und Pferden die Jugendlichen zu verdrängen. Viele ließen sich dennoch nicht vertreiben und suchten die verbale Konfrontation. Sie wollten von den Polizisten eine Begründung für ihr Vorgehen.
Als Antworten erhielten sie beispielsweise „Ich mache nur meinen Job.“ oder „Mach doch einfach was man dir befiehlt!“
Viele Jugendliche waren mit diesen Antworten verständlicherweise unzufrieden und hielten sich nicht an dem Räumungsbefehl. Umso länger die Räumung dauerte, umso aggressiver und rabiater gingen die Polizisten mit den Jugendlichen um. Aus einem Wegschieben wurde ein Wegschubsen.
Die Folge war, dass viele Jugendliche hinfielen und sich auf den Schotterwegen Schürfwunden und Ähnliches zuzogen.

Brutale Ingewahrsamnamen und willkürliche Platzverweise

Aus „Mach doch einfach was man dir befiehlt!“ wurde „Verpiss dich!“. Im Laufe dieser Räumung gab es fünf Menschen die brutal in Gewahrsam genommen und nach Dortmund gebracht wurden. Teils wegen absoluter Kleinigkeiten. Ein Jugendlicher machte eine Halsabschneide-Geste mit den Worten „Ich weiß warum ich euch hasse“ und wurde daraufhin von fünf Polizisten festgenommen, die sich auf ihn stürzten, brutal festhielten und abführten. Zwei weitere Jugendliche wurden von Polizeipferden fast umgerannt. Nachdem diese sich lautstark beschwerten, wurden auch sie in Gewahrsam genommen.
Alleine die berittenen Polizisten stellen auf den Wegen von und zur Grillwiese eine große Bedrohung für die Jugendliche da. Die Jugendlichen wurden ohne Rücksicht Richtung Wehrenboldstraße, der nächsten größeren Straße, getrieben. Auf dem engen Weg fielen einige Menschen über Wägen und Fahrräder, weil sie den Polizeipferden ausweichen mussten.
An der Wehrenboldstraße verteilte die Polizei dann willkürlich Platzverweise.
Insgesamt verteilte die Polizei 476 Platzverweise, nahm elf Personen in Gewahrsam und verhaftete Zwei.

Einer der schönsten Tage im Jahr für viele Lüner Jugendliche, der wie immer friedlich hätte enden können, nahm ein gewaltvolles Ende durch die Räumung der Polizei.
Die Polizei agierte unverhältnismäßig und mit einer deutlich überzogenen Gewaltanwendung. Die Stadt redete eine Gefahr für die Sicherheit der Jugendliche herbei. Sie befürchtete Randale. Doch die einzigen die an diesem Tag randalierten und die Sicherheit der Jugendlichen gefährdeten, waren die Polizisten.
Die Stadt geht ein klaren Strategie nach: Sie will die 1.Mai Feierlichkeiten an der Grillwiese kontrollieren und überwachen. Sie versucht den Jugendlichen ihr größtes Highlight im Jahr zu nehmen. Doch die Jugendlichen in Lünen brauchen weiterhin ihren Freiraum. Und diesen werden sie sich auch weiterhin nehmen.

Staatlicher Gewalt und Repression entgegen treten – Für einen ersten Mai ohne Ordnungsamt, B-A-K und Polizei!

Fotos:

Das Podest:

Beginn der Räumung:

Ende der Räumung:

Presse:
Unkritischer Bericht der Ruhr Nachrichten (klick)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks
  • Tumblr

1 Antwort auf “1.Mai in Lünen und das Problem mit der Polizei”


  1. 1 Alex 23. Januar 2012 um 10:28 Uhr

    Also ich finde es echt eine schweinerei was sich Polizisten heutzutage alles erlauben!
    Die meisten haben doch garkeine Ahnung was genau sie dürfen und was nicht. Die Handeln nach ihren regeln und scheißen auf jeden der dagegen ist…
    Hab’s schon sooft miterlebt weswegen ich das Rechtssystem und alles drum herum auch so verachte.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.